Raumkonzepte

Abstraktion, Datenmodelle und geodätische Referenzierung

Chris Reudenbach

Leitfrage der Sitzung

GIS bildet nicht einfach „die Welt“ ab.

GIS übersetzt Ausschnitte der realen Welt in Modelle, Datenstrukturen und Koordinatenbezüge.

Realwelt → Abstraktion → Datenmodell → Koordinatenbezug → Analyse

Der Kern der Sitzung ist deshalb nicht ein einzelnes Werkzeug, sondern die Frage:

Wie wird Raum so codiert, dass er digital gespeichert, kombiniert, gemessen und analysiert werden kann?

Lernziele

Nach der Sitzung sollten Sie erklären können,

  • warum Geodaten immer Repräsentationen und nicht die reale Welt selbst sind,
  • wie diskrete Geoobjekte und kontinuierliche Raumphänomene unterschieden werden,
  • welche Rolle Geometrie, Dimension und Topologie in GIS spielen,
  • wie Raster- und Vektordatenmodelle Raum unterschiedlich codieren,
  • warum Koordinaten nur mit Bezugssystem, Datum und Projektion eindeutig interpretierbar sind.

Abstraktion: von der Realwelt zum Modell

Wenn wir reale Welt in Karten oder GI-Systemen abbilden, müssen wir auswählen und vereinfachen.

Ein Modell ist dabei keine Verfälschung, sondern eine zweckgebundene Repräsentation.

Was interessiert uns?
Welche Eigenschaften brauchen wir?
Welche Details dürfen wir weglassen?
Welche Datenstruktur kann das abbilden?

Modellierung heißt: Zielgerichtet reduzieren

Eine reale Situation kann als Vektormodell, Rastermodell oder Kombination aus beiden repräsentiert werden.

Die Wahl hängt nicht nur vom Objekt ab, sondern von der Fragestellung.

Diskrete Objekte und Raumkontinua

GIS muss zwei Grundformen räumlicher Phänomene abbilden:

Diskrete Geoobjekte

Straßen, Gebäude, Messstationen, Schutzgebiete.

Sie werden häufig als Punkte, Linien oder Flächen modelliert.

Raumkontinua

Höhe, Temperatur, Niederschlag, Strahlung, Schadstoffkonzentration.

Sie werden häufig als Raster oder kontinuierliche Felder modelliert.

Raum im GIS: Koordinaten

Der Raum in GIS wird für viele Operationen als euklidischer Raum behandelt.

Positionen werden über Koordinaten bestimmbar:

2D-Koordinatensystem

2D-Koordinatensystem

3D-Koordinatensystem

3D-Koordinatensystem

Dimensionen von Geoobjekten

Dimensionalität von Geoobjekten

Dimensionalität von Geoobjekten
  • 0D: Punkte, z. B. Messstationen
  • 1D: Linien, z. B. Straßen oder Flüsse
  • 2D: Flächen, z. B. Stadtgebiete
  • 3D: Körper, z. B. Gebäude oder Grundwasserkörper

Zusätzlich kommen Attribute und Zeit als weitere Informationsdimensionen hinzu.

Topologie: relative Lage statt exakter Form

Topologie beschreibt räumliche Beziehungen unabhängig von exakter metrischer Form.

Beispiele:

verbunden | benachbart | innerhalb | berührt | schneidet | getrennt

Ein Liniennetzplan ist topologisch nützlich, obwohl er geometrisch nicht maßstäblich ist.

Für Routing zählt nicht nur „wo“, sondern auch „was ist womit verbunden?“

Geometrie, Dimension und Topologie gehören zusammen

Eine Kreuzung in der Karte ist nicht automatisch eine Verbindung im Netzwerk.

Eine Brücke kann geometrisch wie eine Kreuzung aussehen, topologisch aber keine Verbindung sein.

Geometrie: Wo liegt etwas?
Dimension: Welche räumliche Ordnung hat es?
Topologie: Wie ist es mit anderen Objekten verbunden?

Datenmodelle als technische Raumkonzepte

Datenmodelle übersetzen geographische Abstraktion in digitale Struktur.

Sie legen fest,

  • welche Objekte oder Felder gespeichert werden,
  • welche Geometrie verwendet wird,
  • wie Attribute zugeordnet werden,
  • welche Operationen sinnvoll möglich sind.

Vektordatenmodell

Im Vektormodell wird Raum aus Punkten, Linien und Polygonen aufgebaut.

Es eignet sich besonders für diskrete Geoobjekte: Gebäude, Straßen, Flurstücke, Schutzgebiete.

Rasterdatenmodell

Im Rastermodell wird Raum in regelmäßige Zellen zerlegt.

Jede Zelle trägt einen Wert.

Das eignet sich besonders für kontinuierliche Phänomene: Höhe, Temperatur, Niederschlag, Landoberfläche.

Raster: impliziter und expliziter Raumbezug

Rasterzellen besitzen zunächst einen impliziten Raumbezug über Zeile und Spalte.

Geographisch nutzbar werden sie erst durch explizite Georeferenzierung: Ursprung, Zellgröße, Koordinatensystem und Projektion.

Raum-Zeit-Kodierung

GIS-Daten verknüpfen mindestens drei Ebenen:

Ort + Zeit + Attribut

Beispiel:

Messstation A
am 15.06.2026 um 14:00 Uhr
Temperatur = 31,2 °C

Ohne Ort ist der Messwert nicht räumlich analysierbar. Ohne Zeit ist er nicht dynamisch interpretierbar. Ohne Attribut gibt es nichts zu analysieren.

Zeit als Ordnungssystem

Zeit wird in GIS meist linear codiert: Zeitpunkte, Zeitintervalle, Zeitreihen.

Orte können unterschiedlich codiert werden

Nicht jede räumliche Referenz ist eine Koordinate.

Semantische Referenzierung

Ortsnamen, Adressen, Verwaltungseinheiten.

Metrische Referenzierung

Koordinaten, lineare Referenzierung, Katastergeometrien.

Die Genauigkeit und Nutzbarkeit hängt vom Zweck ab.

Namen und Orte

Ortsnamen sind verständlich, aber nicht eindeutig genug für viele GIS-Analysen.

Gleiche Namen, mehrsprachige Namen, historische Namen oder lokale Schreibweisen können unterschiedliche Orte bezeichnen.

Lineare Referenzierung

Pannenort nördlich von Holtau

Pannenort nördlich von Holtau

Eine Position kann auch entlang einer Linie codiert werden:

Straße A7, Kilometer 213,4
Fluss Lahn, Pegel bei km 124

Das ist für Verkehrs- und Leitungsnetze oft sinnvoller als reine x/y-Koordinaten.

Kataster und geometrisch exakte Lage

Historischer Katasterplan Bukowsko 1906

Historischer Katasterplan Bukowsko 1906

Katasterpläne codieren Eigentum, Grenzen und Flurstücke geometrisch und administrativ.

Sie sind nicht nur Kartenbilder, sondern rechtlich und technisch strukturierte Raumdaten.

Geographische Koordinaten

Geographische Koordinaten beschreiben Positionen auf einer gekrümmten Bezugsfläche.

Breite = Winkel nördlich/südlich des Äquators
Länge  = Winkel östlich/westlich des Nullmeridians

Ellipsoid, Geoid und Datum

Koordinaten sind nie einfach nur Zahlen.

Sie beziehen sich auf ein geodätisches Modell der Erde.

  • Ellipsoid: mathematisch geglättete Bezugsfläche
  • Geoid: physikalische Höhen- und Schwerereferenz
  • Datum / Referenzsystem: legt Bezug und Lagerung fest

Globales und regionales Bezugssystem

Ein globales Referenzsystem passt die Erde insgesamt an.

Ein regionales Datum kann für ein Gebiet besser passen.

Deshalb können ähnliche Koordinaten in unterschiedlichen Bezugssystemen verschiedene Orte meinen.

Projektionen: von der Erde zur Karte

Geographische Koordinaten liegen auf einer gekrümmten Bezugsfläche.

Viele GIS-Analysen brauchen aber ebene x/y-Koordinaten.

Datum / Referenzsystem → Ellipsoid → Projektion → Rechtswert / Hochwert

Kartenprojektionen erzeugen immer Verzerrungen

Keine Projektion ist gleichzeitig überall längentreu, flächentreu und winkeltreu.

Die passende Projektion hängt von der Fragestellung ab.

Warum das in QGIS wichtig ist

QGIS kann Layer mit unterschiedlichen Bezugssystemen oft gemeinsam anzeigen.

Das heißt aber nicht automatisch, dass Messungen und Analysen korrekt sind.

WGS 84
= Breite/Länge in Grad

ETRS89 / UTM Zone 32N
= Rechtswert/Hochwert in Metern

Für Distanzen, Flächen und Rasteranalysen sind metrische Projektionen meist notwendig.

Grad oder Meter?

Geographische Koordinaten

50.81, 8.77
Einheit: Grad
typisch: GPS, Webdaten

Projizierte Koordinaten

477000, 5630000
Einheit: Meter
typisch: lokale Analyse

Die Zahlenform allein reicht nicht. Entscheidend ist der vollständige CRS-Bezug.

Abschluss: kontrollierte Raumcodierung

GIS-Arbeit bedeutet kontrollierte Übersetzung:

Realwelt
→ Modell
→ Datenmodell
→ Geometrie / Topologie / Dimension
→ Koordinatenbezug
→ Projektion
→ Analyse
→ Interpretation

Der zentrale Satz:

Geodaten sind nicht einfach Daten über Raum. Sie sind technisch und fachlich codierte Raumrepräsentationen.

Arbeitsauftrag

Wählen Sie ein Ihnen bekanntes Beispiel aus QGIS oder einer Webkarte.

Beschreiben Sie kurz:

  • Welches Phänomen wird repräsentiert?
  • Handelt es sich eher um diskrete Geoobjekte oder ein Raumkontinuum?
  • Welches Datenmodell liegt nahe: Raster oder Vektor?
  • Welche Rolle spielen Koordinaten, Projektion und Topologie?
  • Welche Information geht durch die Abstraktion verloren?