Von Punktdaten, Höhenrastern und Modellannahmen zu neuen räumlichen Informationen
Räumliche Analyse beginnt dort, wo aus vorhandenen Daten neue räumliche Informationen abgeleitet werden.
Der Kern der Sitzung ist deshalb:
Wie werden aus Punktmessungen, Höhenrastern und Modellannahmen nachvollziehbare räumliche Ableitungen?
Nach der Sitzung sollten Sie erklären können,
Eine Abfrage fragt meist:
Welche vorhandenen Objekte erfüllen eine Bedingung?
Eine räumliche Analyse fragt dagegen:
Welche neue räumliche Information kann aus vorhandenen Daten, Annahmen und Regeln erzeugt werden?
Aus räumlichen Daten werden neue Informationen:
Entscheidend ist nicht nur, welches Werkzeug verwendet wurde, sondern welche Annahme damit in die Analyse eingebaut wird.
Räumliche Ableitung
Aus vorhandenen Daten entstehen neue räumliche Informationen.
Beispiele: Voronoi-Flächen, Interpolation, Reliefparameter, Sichtfelder, Flow Accumulation.
Räumliche Bewertung
Mehrere räumliche Informationen werden standardisiert, gewichtet und kombiniert.
Beispiele: Eignungskarten, Multikriterienanalyse, Kostenoberflächen.
Räumliche Analyse ist älter als GIS-Software.
Viele Verfahren der quantitativen Raumanalyse und räumlichen Statistik wurden entwickelt, bevor digitale GI-Systeme breit verfügbar waren (vgl. Berry und Marble 1968).
Mit GIS wurden diese Verfahren praktisch integrierbar: Datenerfassung, Datenverwaltung, Analyse und Visualisierung liegen in einer gemeinsamen Arbeitsumgebung.
Eine Karte ist nicht deshalb aussagekräftig, weil sie mit GIS erzeugt wurde. Aussagekräftig wird sie erst durch begründete Daten, Methode, Maßstab und Interpretation.
Rasterdaten beschreiben den Raum als regelmäßiges Zellgitter.
Jede Zelle enthält einen Wert:
Rasteranalyse verändert, kombiniert oder interpretiert diese Zellwerte und erzeugt daraus neue räumliche Informationen.
Voronoi-Polygone teilen einen Raum so auf, dass jede Fläche genau einem Ausgangspunkt zugeordnet wird.
Innerhalb einer Fläche liegt jeder Ort näher am zugehörigen Punkt als an jedem anderen Punkt.
Voronoi ist ein geometrisches Nullmodell: gleichförmiger Raum, keine Barrieren, keine Topographie, keine Wegkosten, keine Prozessinformation.
Die Grenzen liegen dort, wo zwei benachbarte Punkte gleich weit entfernt sind. So wird aus Punktlage eine flächige Zuordnung.
Jede Fläche wird der nächstgelegenen Niederschlagsstation zugeordnet. Das ist keine klimatologische Modellierung, sondern eine Zuordnung nach euklidischer Distanz.
Interpolation schätzt Werte zwischen bekannten Messpunkten. Die Fläche ist kein Messwert, sondern ein Modellprodukt.
Entscheidend sind nicht nur Methode und Software, sondern Repräsentativität, räumliche Verteilung, Homogenität und Anzahl der Messpunkte.
Dieselben Punktdaten können unterschiedliche Flächen erzeugen. Jede Methode übersetzt Nähe, Glättung und räumliche Abhängigkeit anders.
Globale Verfahren betonen großräumige Trends. Lokale Verfahren reagieren stärker auf Nachbarschaften und Punktverteilung.
Exakt bedeutet: Die Oberfläche trifft die Messpunkte. Nicht-exakt bedeutet: Die Oberfläche glättet und kann Unsicherheit berücksichtigen.
Bei Niederschlag muss die Topographie mitgelesen werden: Höhe, Luv/Lee, Täler und Stationsverteilung entscheiden, ob eine Fläche plausibel wirkt.
Ein DGM speichert zunächst nur Höhe.
Räumliche Analyse beginnt, wenn aus Höhenwerten neue Informationen abgeleitet werden:
Das DGM ist damit kein Endprodukt, sondern ein Ausgangspunkt für Geländeinterpretation.
Aus derselben Höhenoberfläche entstehen unterschiedliche Ableitungen: lokale Geländeparameter, Linieninformationen und flächenhafte Einheiten.
Neigung, Exposition und Kurvatur entstehen aus Höhenunterschieden in der Nachbarschaft einer Rasterzelle.
Profile beschreiben Höhenverläufe, Pauschalgefälle mittlere Neigung, Falllinien gerichtete Pfade entlang des stärksten Gefälles.
Geomorphometrische Ableitungen sind keine bloßen Zusatzkarten. Sie übersetzen Höhe in planungs-, prozess- und standortbezogene Information.
Die DGM-Ableitungen führen in zwei Richtungen weiter:
Sichtbarkeit
Höhenprofil und Sichtlinie entscheiden, ob ein Zielpunkt sichtbar ist.
Viele Sichtlinien ergeben ein Sichtfeld.
Reliefhydrologie
Lokale Gefälle werden zu Fließrichtungen.
Aus Richtungen entstehen Akkumulations- und Indexraster.
Sichtbarkeit ist keine Eigenschaft eines Punktes allein.
Sie ist eine Beziehung zwischen:
Ein Ziel ist sichtbar, wenn die Sichtlinie nicht durch Gelände blockiert wird.
Sichtbarkeit wird entlang einer Sichtlinie geprüft: Wird die Linie vom Gelände geschnitten, ist der Zielpunkt verdeckt.
Ein Punkt ist sichtbar, wenn sein Vertikalwinkel über dem bisher gespeicherten Horizont liegt.
Ein Sichtfeld entsteht, wenn der Sichtlinientest für viele Zielpunkte oder Rasterzellen wiederholt wird.
Raster und TIN unterscheiden sich in der Profilgewinnung. Der Sichtlinientest bleibt konzeptionell gleich.
Das Ergebnis hängt von DGM/DSM, Auflösung, Beobachterhöhe, Zielhöhe und realen Hindernissen ab.
Ein Sichtfeld zeigt berechnete geometrische Sichtbarkeit.
Es zeigt nicht automatisch:
Ein Sichtfeld ist eine berechnete Sichtbarkeitsannahme, keine direkte Beobachtung.
Reliefhydrologische Ableitungen nutzen eine einfache Annahme:
Wasser folgt dem lokalen Gefälle.
Daraus entstehen Fließrichtungsraster, Akkumulationsraster, potenzielle Gerinne und hydrologische Indexraster.
D8 ordnet jeder Rasterzelle genau eine lokale Abflussrichtung zu. Das Ergebnis ist ein Richtungsraster, kein Gewässernetz.
Für jede Nachbarzelle wird das lokale Gefälle berechnet:
\[ \tan(\beta) = \frac{\Delta z}{d} \]
bzw.
\[ \beta = \arctan\left(\frac{\Delta z}{d}\right) \]
Direkte Nachbarn haben die Distanz \[d=a\], diagonale Nachbarn \[d=a\sqrt{2}\].
Flow Accumulation ist ein Zellwert-Raster. Hohe Werte erscheinen als intensivere Rasterzellen, nicht als dicker werdende Flusslinien.
Der akkumulierte Wert einer Zelle setzt sich aus Eigenbeitrag und oberliegenden Beiträgen zusammen:
\[ S(c_i) = s(c_i) + \sum_u S(c_u) \]
Gerinne entstehen erst durch Schwellenwertbildung auf diesem Raster, nicht als Primäroutput des Algorithmus.
Der TWI kombiniert beitragende Fläche und Hangneigung. Er zeigt potenziell feuchtere Reliefpositionen, keinen gemessenen Bodenwassergehalt.
\[ TWI = \ln\left(\frac{A_s}{\tan \beta}\right) \]
Der Index wird größer bei viel oberliegender beitragender Fläche und geringer lokaler Hangneigung.
SPI und STI nutzen Zufluss und Hangneigung, gewichten sie aber anders. Beide sind Indexraster, keine beobachteten Erosionskarten.
\[ SPI = A_s \cdot \tan \beta \]
\[ STI = \left(\frac{A_s}{22.13}\right)^{0.6} \cdot \left(\frac{\sin \beta}{0.0896}\right)^{1.3} \]
Ähnliche Muster entstehen, weil beide Indizes stark von beitragender Fläche und konzentriertem Abfluss geprägt werden.
Gespeichert wird der längste flussaufwärts gelegene Weg bis zu einer Zelle, nicht die Summe aller Fließwege.
Alle Beispiele folgen derselben Grundstruktur:
Voronoi: Punktlage → Näheannahme → Zuordnungsflächen
Interpolation: Punktwerte → Schätzmodell → Oberfläche
DGM: Höhe → lokale Ableitung → Geländeparameter
Sichtbarkeit: Höhe → Sichtlinie → Sichtfeld
Reliefhydrologie: Höhe → Gefälle → Prozessraster
Bei jeder räumlichen Ableitung muss gefragt werden:
Eine GIS-Analyse ist erst fachlich belastbar, wenn genau diese Kette transparent bleibt.
Wählen Sie drei Beispiele aus der Einheit und vergleichen Sie:
Beschreiben Sie jeweils:
Räumliche Analyse erzeugt keine automatische Wahrheit.
Sie erzeugt nachvollziehbare, aber annahmenabhängige räumliche Ableitungen.
Der fachliche Kern liegt nicht im Werkzeug, sondern in der begründeten Übersetzung von Frage, Daten, Operation und Interpretation.