Räumliche Bewertung und Entscheidung

Eignung, Kriterien, Gewichtung, Zielkonflikte und Kostenoberflächen

Chris Reudenbach

Leitfrage der Sitzung

Räumliche Entscheidungsfindung beginnt dort, wo mehrere räumliche Kriterien nicht nur analysiert, sondern bewertet, gewichtet und miteinander kombiniert werden.

räumliche Frage → Kriterien → Standardisierung → Gewichtung → Kombination → Interpretation

Die Karte ist dabei kein neutrales Ergebnis. Sie ist die räumliche Form einer begründeten Bewertungslogik.

Lernziele

Nach der Sitzung sollten Sie erklären können,

  • warum Eignungs- und Kostenkarten Entscheidungsmodelle sind,
  • wie räumliche Kriterien operationalisiert und standardisiert werden,
  • wie boolesche und gewichtete Verschneidungen funktionieren,
  • warum Gewichte fachliche Annahmen sichtbar machen,
  • wie aus einer Eignungskarte Zielkonflikte und Kostenfragen entstehen,
  • welche Aussagegrenzen solche Karten besitzen.

Warum räumliche Entscheidung?

Viele Planungsfragen sind räumlich und konfliktgeladen:

Wo ist eine Fläche geeignet, ohne andere Ziele stark zu verletzen?

Ein GIS kann solche Entscheidungen nicht ersetzen. Es kann aber Kriterien, Annahmen und Zielkonflikte räumlich sichtbar machen.

Entscheidend ist nicht nur, welche Karte entsteht, sondern welche Annahmen in der Karte stecken.

Von Analyse zu Bewertung

In Unit04 ging es vor allem um Ableitungen:

Punktdaten → Interpolationsfläche
Höhenraster → Sichtfeld oder Fließrichtung
Distanzen → Nähe- oder Kostenoberflächen

In Unit05 werden diese Ableitungen bewertet:

Nähe → günstig oder ungünstig?
Hangneigung → geeignet oder problematisch?
Landnutzung → Kriterium, Ausschluss oder Widerstand?

Eignungsanalyse

Eine Eignungsanalyse sucht Räume, die eine Kombination bestimmter Eigenschaften erfüllen.

Waldnähe + Siedlungsferne + geringe Versiegelung + geeignete Reliefbedingungen → potenzielle Eignung

Eine Eignungskarte zeigt nicht „die Wahrheit“, sondern das Ergebnis einer räumlichen Bewertungsregel.

Eignung und Vulnerabilität

Eignung

Hohe Werte bedeuten meist:

hier passt die Fläche gut zum Ziel.

Beispiel: potenziell geeigneter Standort, Habitat, Nutzung, Korridor.

Vulnerabilität / Gefahr

Hohe Werte bedeuten meist:

hier ist die Fläche stärker betroffen oder gefährdet.

Beispiel: Lawinengefahr, Überflutungsrisiko, Erosionsanfälligkeit.

Die Richtung der Skala muss vor der Kombination eindeutig sein.

Wildkatzen im Marburger Uniwald

Wildkatze im Marburger Uniwald Wildkatzen im Marburger Uniwald

Die Beobachtungen begründen das Beispiel. Die folgende Eignungsanalyse ist trotzdem keine Nachweiskarte und kein validiertes Habitatmodell.

Ausgangsfrage Wildkatze

Die fachliche Frage lautet nicht:

Wo wurde eine Wildkatze fotografiert?

sondern:

Wo könnten innerhalb des Untersuchungsraums Flächen liegen, die nach ausgewählten Kriterien eher geeignet oder eher ungeeignet sind?

Aus Beobachtung wird Modellfrage. Aus Modellfrage wird Kriterienlogik.

Kriterienmodell

Für das Beispiel werden Kriterien als Proxys genutzt:

Günstig

Walddichte / Deckung
Siedlungsferne
geeignete Reliefbedingungen

Ausschluss oder Abwertung

versiegelte Flächen
stark bebaute Bereiche
störungsnahe Bereiche

Die Kriterien sind bewusst vereinfacht. Sie zeigen die GIS-Logik, nicht die vollständige Autoökologie der Wildkatze.

Von Kriterium zu Rasterwert

Eine Multikriterienanalyse braucht gemeinsame Skalen.

Rohdaten → räumlicher Parameter → Reklassifikation → standardisierter Kriterienwert

Beispiel:

Siedlungen → Distanz zur nächsten Siedlung → Störungsklassen → Eignungswert 0…1

Erst dadurch können unterschiedliche Kriterien miteinander verrechnet werden.

Boolesche Verschneidung

Bei boolescher Verschneidung gilt oft: Ein Ausschlusskriterium reicht, um eine Fläche aus dem Ergebnis zu entfernen.

Boolesche Logik

Wenn zwei Kriterien nur 0 oder 1 annehmen, kann Eignung als harte Bedingung formuliert werden:

\[ E = K_1 \times K_2 \]

Nur wenn beide Kriterien erfüllt sind, bleibt die Fläche geeignet.

Vorteil: klar und transparent. Nachteil: hart, unempfindlich gegenüber Abstufungen.

Ranglisten statt Ausschluss

Statt harte Ausschlüsse zu erzeugen, können Kriterienwerte addiert werden:

\[ R = K_1 + K_2 \]

Das Ergebnis ist keine Ja/Nein-Karte mehr, sondern eine einfache Rangfolge.

Damit beginnt der Übergang zur gewichteten Eignungsschätzung.

Von boolesch zu gewichtet

Viele räumliche Entscheidungen sind nicht hart binär.

Eine Fläche kann gering, mittel oder hoch geeignet sein. Dann werden Kriterien standardisiert und gewichtet kombiniert.

\[ E = \sum_i w_i \cdot K_i \]

mit

\[ \sum_i w_i = 1 \]

Gewichtete Kriterienaddition

Gewichtung macht eine fachliche Entscheidung sichtbar: Nicht jedes Kriterium zählt gleich stark.

Beispielgewichte

Für das Wildkatzenbeispiel könnte eine einfache Gewichtung lauten:

Walddichte        0.40
Siedlungsdistanz 0.30
Hangneigung      0.20
Exposition       0.10

Die Gewichte ergeben zusammen 1 und können direkt im Rasterrechner verwendet werden.

Wichtig ist nicht, dass diese Gewichte „objektiv wahr“ sind. Wichtig ist, dass sie begründet und dokumentiert werden.

Rasterrechner als Modellformel

(
  "walddichte_idx@1" * 0.40 +
  "siedlungsdistanz_idx@1" * 0.30 +
  "hangneigung_idx@1" * 0.20 +
  "exposition_idx@1" * 0.10
)
*
"einschraenkung_mask@1"

Der Ausdruck ist die technische Form der Bewertungslogik.

Einschränkungsmaske

Eine Maske entscheidet, welche Flächen überhaupt bewertbar bleiben.

1 = Fläche bleibt im Modell
0 = Fläche wird ausgeschlossen

Beispiele: versiegelte Flächen, Gebäude, Wasserflächen, rechtliche Ausschlussgebiete.

Eine Maske ist keine Gewichtung. Sie verändert den Möglichkeitsraum des Modells.

Interpretation der Eignungskarte

Eine Eignungskarte muss doppelt gelesen werden:

Was sie zeigt

räumliche Verteilung der modellierten Eignung
relative Unterschiede zwischen Flächen
Folgen der gewählten Kriterien und Gewichte

Was sie nicht zeigt

tatsächliche Wildkatzenpräsenz
validierte Habitatqualität
vollständige ökologische Realität

AHP: Gewichte systematischer herleiten

Der Analytic Hierarchy Process ersetzt keine fachliche Entscheidung.

Er macht sie strukturierter:

Kriterien paarweise vergleichen
→ Vergleichsmatrix erzeugen
→ Gewichte berechnen
→ Konsistenz prüfen

AHP hilft bei der Dokumentation von Gewichtungen, macht aber unsichere Kriterien nicht automatisch belastbar.

Paarvergleich

Beispielhafte Frage im AHP:

Ist Walddichte wichtiger als Siedlungsnähe?

Bewertungsskala:

1 = gleich wichtig
3 = etwas wichtiger
5 = deutlich wichtiger
7 = sehr stark wichtiger
9 = extrem wichtiger

Aus vielen Paarvergleichen entsteht eine Gewichtung.

Von MCE zu MOE

Eine Multi Criteria Evaluation bewertet mehrere Kriterien für ein Ziel.

Ziel: Wildkatzenhabitat
Kriterien: Walddichte, Siedlungsferne, Hangneigung, Exposition
→ eine Eignungskarte

Eine Multi Objective Evaluation vergleicht mehrere Ziele.

Wildkatzenhabitat | Erholung | Forstwirtschaft
→ mehrere Eignungskarten und mögliche Zielkonflikte

Multi-Objective Evaluation

MOE macht sichtbar, wo Flächen eindeutig einem Ziel zugeordnet werden können und wo konkurrierende Eignungen auftreten.

Zielkonflikte als Ergebnis

Ein Konflikt ist kein Modellfehler.

hohe Eignung für Wildkatze + hohe Eignung für Erholung → planerischer Zielkonflikt

Gerade Konfliktflächen sind relevant, weil dort fachliche oder politische Abwägung notwendig wird.

Von Eignung zu Kosten

Eignung fragt:

Wo ist etwas geeignet?

Kostenanalyse fragt:

Wie aufwendig ist es, ein Ziel zu erreichen oder eine Verbindung herzustellen?

Beide arbeiten mit Rasteroberflächen, aber die Bedeutung der Werte ist umgekehrt.

Kostenanalyse auf Werteoberflächen

Hohe Werte bedeuten hier nicht „gut“, sondern hohen Aufwand, Widerstand oder geringe Durchlässigkeit.

Kostenoberfläche

Eine Kostenoberfläche kombiniert mehrere Kostentreiber:

\[ K = K_1 \cdot w_1 + K_2 \cdot w_2 + K_3 \cdot w_3 + \dots + K_n \cdot w_n \]

Beispiel:

\[ K = \text{Hangneigung} \cdot 0.4 + \text{Landnutzung} \cdot 0.4 + \text{Siedlungsnähe} \cdot 0.2 \]

Kumulative Kosten

Auf einer Kostenoberfläche zählt nicht die Luftlinie, sondern der aufsummierte Aufwand entlang eines Pfades.

\[ C_{\text{Pfad}} = \sum_i K_i \]

Der minimale Kostenpfad ist der Pfad mit der geringsten aufsummierten Kostenlast:

\[ C_{\text{min}} = \min \left( \sum_i K_i \right) \]

Wildkatze: Eignung und Verbindung

Für das Wildkatzenbeispiel verschiebt die Kostenanalyse die Frage:

Eignungskarte:
Wo liegen potenziell geeignete Lebensräume?

Kostenoberfläche:
Wie gut sind diese Lebensräume miteinander verbunden?

Eine Fläche kann geeignet sein, aber durch Barrieren schlecht erreichbar oder stark isoliert.

Konzeptuelle Umsetzung in QGIS

Der Workflow bleibt eine Modellkette:

Kostentreiber auswählen
→ Daten auf Raster bringen
→ Werte in Kosten übersetzen
→ Kostenraster gewichten und kombinieren
→ kumulative Kosten oder Kostenpfade berechnen
→ Ergebnis interpretieren

Typische Werkzeuge: Rasterisieren, Hangneigung, Rasterdistanz, Reklassifikation, Rasterrechner, r.cost, r.walk, Least-cost path.

Zentrale Unterscheidung

Eignung

hoher Wert = gut geeignet
Frage: Wo passt die Fläche zum Ziel?

Kosten

hoher Wert = hoher Widerstand
Frage: Wie aufwendig ist Bewegung oder Verbindung?

Vor jeder Kombination muss klar sein, welche Richtung die Werte haben.

Ergebnis und Aussagegrenze

Eignungs- und Kostenkarten sind Entscheidungsunterstützung.

Sie liefern keine automatische Entscheidung.

Sie zeigen:

Daten + Kriterien + Gewichtung + Ausschlussregeln + Modellannahmen

als räumliches Ergebnis.

Eine gute Karte macht Annahmen sichtbar, statt sie zu verstecken.

Zusammenfassung

Unit05 verbindet vier Ebenen:

Eignung
→ Welche Flächen passen zu einem Ziel?

Gewichtung
→ Welche Kriterien zählen stärker?

Zielkonflikt
→ Wo konkurrieren mehrere Ziele?

Kosten
→ Wie durchlässig oder widerständig ist der Raum?

Arbeitsauftrag

Wählen Sie für ein kleines GIS-Projekt eine räumliche Entscheidungsfrage.

Formulieren Sie dazu:

Ziel
Kriterien
Skalenrichtung
Gewichtung oder Ausschlusslogik
erwartete Karte
zentrale Aussagegrenze

Der wichtigste Satz der Dokumentation lautet: Warum führt genau diese Kriterienlogik zu genau dieser Karte?